Samstag, 23. April 2011

Nächtliche Ausfahrt

Der Wecker klingelt um 2 Uhr. Raus, anziehen, zwei Bananen und etwas UltraStarter. Die Nachtluft prüfen - sie ist kühl, nicht kalt (eine Fehleinschätzung, wie ich noch merken werde). Alles andere ist vorbereitet: Rucksack aufschnallen, Luftdruck prüfen, und zwanzig Minuten später schwinge ich mich aufs Rad.



Niemand ist unterwegs. Die meisten Strassenlampen sind ausgeschaltet. Tiefe Stille umgibt mich; rasch bin ich wach und freue mich auf die rund 200 km, die vor mir liegen. Den Bürersteig passiere ich gemächlich; die Lupine leuchtet mir perfekt den Weg aus. Dank ihr erkenne ich bei der Abfahrt nach Gansingen rechtzeitig ein Reh auf der Strasse, das partout nicht erschrickt. Muss es ja auch nicht; wer fährt um diese Zeit schon Rad? Aber fast wäre die Reise zu Ende gewesen.

Ich wähle heut meist die direkte Verbindung, d.h. Autostrasse. Der Asphalt ist glatt, ich kann eine schnurgerade Linie fahren, wie auf Schienen. Etzgen - Laufenburg - Stein, dann die Landesgrenze passieren. Ein Grenzwächter guckt mich an, als komme ich vom Mond. In Richtung Rheinfelden stelle ich fest, dass ich die Route genauer hätte planen müssen; zahlreiche Abzweigungen sind mir jetzt nicht geläufig und ich möchte doch gerne den Rhythmus beibehalten, statt immer wieder anzuhalten. Die 300'000-er CH-Karte leistet mir gute Dienste, doch den kleinen Anstieg zwischen Rheinfelden und Lörrach hätte ich vermeiden wollen. Der Mond begleitet mich, und nun, so nach 4 Uhr, ist es richtig kalt. Über der Landschaft, und erst recht ausserhalb von Ortschaften, liegt eisige Luft; ich versuche mir heissen Tee vorzustellen - oder eine Tankstelle, an der ich mich kurz aufwärmen kann. Die Kälte und die aufkommende Müdigkeit, kurz bevor der Tag anbricht, ärgern mich. In Lörrach kenne ich mich dann wiederum gar nicht aus und stehe kurz am Bahnhof herum. Penner liegen in der Eingangshalle und ich wärme für einige Minuten die klammen Finger auf. Hinter dem Bahnhof stehen Taxis mit laufendem Motor - damit die Fahrer, welche sich auf den heruntergeklappten Sitzen schlafengelegt haben, warm bleiben. Der Tagesanbruch scheint aber in Reichweite, und ich finde den Weg um den Schwarzwald-Ausläufer und die Ortschaft Kandern herum, ohne nochmals Höhenmeter abspulen zu müssen. In vielen Ortschaften riecht es bei der Durchfahrt nach frischem Brot, und ich muss mich beherrschen um nicht anzuhalten.



Die Vögel zwitschern schon seit ca. halb fünf, und endlich sehe ich den Lichtstreifen am Horizont. Bei Binzen fahre ich in eine Shell-Tankstelle ein, die gerade öffnet; ein verschlafener Kerl schaltet den Automaten ein und ich lasse mir eine Tasse "Brühe" in den Becher laufen. Schmeckt nicht, aber wärmt wunderbar. Eine Banane hinterher und weiter geht’s. 




Von nun an folge ich mehr oder weniger der B3 durch die Ortschaften. Zwar verläuft meist parallel ein Radweg, der macht aber bei jeder Strasseneinmündung eine weite Schleife, und die Belagsqualität ist schlechter, was ich ab k100 deutlich spüre. Ich vermisse meinen eingefahrenen Brooks-Sattel ... mehr als einmal verirre ich mich auch in kleinere Ortschaften, anstatt sie zu umfahren, oder lande auf der Autostrasse, die für Radfahrer weniger zugelassen ist. Ich wünsche mir, Teil eines Radrennens zu sein, für das die Strasse vorne einfach freigemacht wird - das wäre herrlich.

Freiburg im Breisgau ist eine schöne Stadt, aber aus meiner Idee, auf einer geraden Linie durchfahren zu können, wird nichts. Die Radwege kreuzen sich, verteilen sich, führen durch Quartiere und an Sehenswürdigkeiten vorbei, dann in die Innenstadt - es ist schön hier, aber ich gucke auf die Uhr und stelle den Rückstand auf die Marschtabelle fest. Mist. Ich verliere unendlich viel Zeit, weshalb es von nun an heisst: Kopf runter und pedalen. Die Sonne drückt zum Glück nicht so heiss, und ich komme auf der Schnurgeraden mit 30 kmh vorwärts. Doch kleinere Ortschaften, zwischendurch auch eine Bäckerei mit feinem Rosinenweck und weniger feinem Kaffee, und dann wieder Offenburg und Lahr (wie zum Teufel bin ich hierhin gekommen? Das liegt gar nicht auf der Spur …) lassen die Verspätung wachsen.

Der Kopf wird leer, spätestens ab k150 bildet sich eine wohltuende Einheit zwischen mir und dem Rad. Ich komm mir vor wie Pacman, der Punkte frisst, und lasse die Kilometer unter den dünnen Reifen hinter mir. Am liebsten würde ich auf der Autostrasse dahinsausen; jede Kurve, Radweg-Einmündung und jeder Umweg stört die gleichmässige Bewegung. Scherben auf der Strasse; kurz darauf verräterisches Zischen - die Luft entweicht rasch aus. Ebenso schnell ist das Rad repariert, und weiter geht es, der Genussstrecke entlang:


 Knapp über Zeitvorgabe erreiche ich das Ziel. Müde, verschwitzt, durstig ... so soll es sein.



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