Wenig Zeit, aber sie reicht für einen kurzen Lauf ins Villigerfeld und hoch zur Ruine Besserstein. Es ist kühl und spätsommerlich geworden in den letzten Tagen - und das Ende Juli. Nichts mit Hitzetraining, mit Läufen, bei denen am Schluss die Lust auf Salzstengeli übermächtig wird, die Haut glüht und jeder Tropfen Wasser ein perlendes Glücksgefühl vermittelt. Aber die frische Luft hat auch ihr Gutes: der Geist ist klar, die Gedanken lassen sich vom Wolkenspiel umhertreiben und wechseln laufend die Richtung. So soll es sein.
Gegen Westen ist es dunkel; Gewitterwolken ziehen auf. Der Weg scheint geradezu ins Schwarz hineinzuführen. Der Wind frischt etwas auf, ich lenke meine Schritte hoch in Richtung Ruine Besserstein. Dort oben empfängt mich Stille, Kühle und der Alpenzeiger - zwar erlaubt er keinen Blick in die Alpen, aber die Herbststimmung tut seltsamerweise wohl und beruhigt:
Die Rückkehr führt wieder entlang des Sonnenblumenfeldes. Ich pflücke in Gedanken welche ...
Mittwoch, 27. Juli 2011
Donnerstag, 2. Juni 2011
Rigimarsch.ch
Warum nicht einmal marschieren? Zwar machen sich auch Jogger auf den Weg, als Fabian und ich kurz vor Anmeldeschluss in Bremgarten starten, doch das ist heute nicht unser Ziel. Wir marschieren zügig los und treffen in den ersten zwei Stunden kaum auf Mitläufer. Ins Gespräch vertieft merken wir nicht, wie die Kilometer entlang der Reuss hinter uns bleiben. Es wird langsam dunkel, aber nie richtig Nacht.
Posten 1 lassen wir aus, bei Posten 2 - in der Nähe von Sins - rasten wir erstmals und haben schon rund 20 km hinter uns. Hier treffen wir auf zahlreiche andere, die heute Nacht nicht schlafen werden. Jedenfalls nicht liegend.
Entlang eines Erdbeerfeldes zieht warmer, süsser Duft in unsere Nasen - wundervoll. Der Plattenweg entlang der Reuss ist auch schön; ruhig zieht der Fluss gleich neben uns dahin. Weiter gehts, Rotkreuz - Zugersee; die Müdigkeit schleicht in die Glieder, aber dann geht es ab Immensee die Strasse hoch. Erste Vögel pfeifen, der Tag kündigt sich an und es wird hell. Auf der Seebodenalp erneut ein Verpflegungsposten, und jetzt folgt das letzte kurze, steile Stück auf die Rigi hoch. Kaum beim Bahnhof Staffel aus dem Wald geklettert, reisst die Nebelsuppe auf - was für ein Geschenk:
Dann haben wir es geschafft. Fabian zum vierten, ich zum ersten und bestimmt nicht letzten Mal. Die Müdigkeit ist verflogen, bloss die Beine schmerzen etwas. Aber das ist rasch vergessen, und die Freude über das Erreichte beherrscht den Frühstückstisch im Restaurant.
Sonntag, 29. Mai 2011
Wonnemonat
Es gibt Tage, da gibt es nichts zu sagen. Zwischen Hottwil und dem Bürersteig entdecke ich bei einer kleinen Radtour ein Feld voller Mohn- und Kornblumen, und ich fühle, was Monet zum Bild "Les coquelicots" bewegt hat. Etwas später stehe ich mit dem Fotoapparat dort; die Radfahrer, die jetzt an mir vorbei hochfahren, lächeln und verstehen warum:
Einen Tag später führt mich der Weg an Klopfis Rosenhecke vorbei. Duft und Farben verhindern jeden klaren Gedanken. Auch hier: eintauchen in dieses Geschenk der Natur - ohne Worte:
Was für ein Mai ...
Mittwoch, 11. Mai 2011
Andermatt - Furka - Genfersee
Kurzentschlossen das Velo gepackt und mit der Bahn nach Andermatt. Ziel Genfersee. Milde Temperaturen selbst hier oben; in der Eile vergesse ich die Sonnencreme für meine Beine und werde das später zu spüren bekommen.
Danach stürze ich mich freudig in die Tiefe. Beim Belvedere das übliche Bild: abgeschliffene Felsen, aber der Rhonegletscher, der hier gewirkt hat, ist nirgends mehr zu sehen. Ein dünnes Bächlein plätschert ins Tal hinunter. Traurig sieht das aus:
Am Morgen stahlblauer Himmel, kein Lüftchen. Dabei ist Schlechtwetter angesagt ... ich liebe das Wallis. In Sierre fängt der Süden an, lese ich irgendwo, und so kommt es mir vor als ich durch die sonnenbeschienene Talweite radle. Fast immer auf dem Rhonedammweg geht es gut voran.
V or Martigny bereits bin ich hungrig; in der Stadt dann überfalle ich eine Konditorei und anschliessend die Distillerie Morand. Fühle mich wie ein König. Nur noch mehr Zeit hätte ich gern: statt dem Rhoneknie zu folgen geradeaus, Gr. St. Bernhard, Aosta-Tal, einfach der Lust und Nase nach, ohne Verpflichtung und Agenda ...
Auf geht’s, das Wallis lockt. Mit schönem Rückenwind - einem Geschenk - rollt es in Richtung Furkasteigung. Während unten schon aller Löwenzahn verblüht ist, sind die Wiesen hier noch mit gelben Tupfern übersät. Blauer Himmel, wenig Autoverkehr, ein paar Motorradfahrer nur ... in Kürze bin ich auf der Passhöhe und geselle mich zu zwei weiteren Radfahrern, die ihr Gesicht in die warme Sonne halten.
Ich hatte Gegenwind erwartet; er bläst jedoch von allen Seiten. Manchmal schiebt er mich ungestüm ins Tal und ich gebe mich dem Rausch hin, dann wieder greift er von der Seite ins Rad und ich zucke zusammen beim Eindruck, parallel zur Strassenmitte oder in den Abgrund verschoben zu werden. Doch bald schon bin ich im Goms, es ist noch wärmer als zuvor; raus aus der Windjacke, Kopf runter und - immer noch mit Rückenwind - gegen Westen pedalen. Jetzt läufts richtig rund.
Am Abend Übernachtung in Sierre. Knallrote Beinrückseiten; nur die frische Hotelbettwäsche kühlt etwas. Kleines, feines Logis mitten in der Stadt. Müde Beine, tausend Eindrücke im Kopf, Pizza und zwei Bier - wundervoll. Schlafe wie ein Murmeltier.
Ausgeruht geht’s weiter. Nun hat jedoch jemand die Windmaschine angestellt: die volle Ladung bläst mir rhoneaufwärts ins Gesicht; ich sehe meinen Zeitvorteil schrumpfen. Die Landschaft verliert etwas an Reiz und mit ziemlich viel Kraft arbeite ich mich durch, bis die Rhone breit und träge in den Genfersee mündet. Um rechtzeitig daheim zu sein verlade ich in Villeneuve und setze mich in den Zug. Zwei wundervolle Tage; ein kurzes, rasantes Erlebnis - und schon habe ich bei der Ankunft in Brugg das Gefühl, alles sei ein wenig fremd. Als ob ich lange und weit weg gewesen wäre. Ich geniesse es und lasse das Erlebte nachklingen.
Samstag, 23. April 2011
Nächtliche Ausfahrt
Der Wecker klingelt um 2 Uhr. Raus, anziehen, zwei Bananen und etwas UltraStarter. Die Nachtluft prüfen - sie ist kühl, nicht kalt (eine Fehleinschätzung, wie ich noch merken werde). Alles andere ist vorbereitet: Rucksack aufschnallen, Luftdruck prüfen, und zwanzig Minuten später schwinge ich mich aufs Rad.
Niemand ist unterwegs. Die meisten Strassenlampen sind ausgeschaltet. Tiefe Stille umgibt mich; rasch bin ich wach und freue mich auf die rund 200 km, die vor mir liegen. Den Bürersteig passiere ich gemächlich; die Lupine leuchtet mir perfekt den Weg aus. Dank ihr erkenne ich bei der Abfahrt nach Gansingen rechtzeitig ein Reh auf der Strasse, das partout nicht erschrickt. Muss es ja auch nicht; wer fährt um diese Zeit schon Rad? Aber fast wäre die Reise zu Ende gewesen.
Ich wähle heut meist die direkte Verbindung, d.h. Autostrasse. Der Asphalt ist glatt, ich kann eine schnurgerade Linie fahren, wie auf Schienen. Etzgen - Laufenburg - Stein, dann die Landesgrenze passieren. Ein Grenzwächter guckt mich an, als komme ich vom Mond. In Richtung Rheinfelden stelle ich fest, dass ich die Route genauer hätte planen müssen; zahlreiche Abzweigungen sind mir jetzt nicht geläufig und ich möchte doch gerne den Rhythmus beibehalten, statt immer wieder anzuhalten. Die 300'000-er CH-Karte leistet mir gute Dienste, doch den kleinen Anstieg zwischen Rheinfelden und Lörrach hätte ich vermeiden wollen. Der Mond begleitet mich, und nun, so nach 4 Uhr, ist es richtig kalt. Über der Landschaft, und erst recht ausserhalb von Ortschaften, liegt eisige Luft; ich versuche mir heissen Tee vorzustellen - oder eine Tankstelle, an der ich mich kurz aufwärmen kann. Die Kälte und die aufkommende Müdigkeit, kurz bevor der Tag anbricht, ärgern mich. In Lörrach kenne ich mich dann wiederum gar nicht aus und stehe kurz am Bahnhof herum. Penner liegen in der Eingangshalle und ich wärme für einige Minuten die klammen Finger auf. Hinter dem Bahnhof stehen Taxis mit laufendem Motor - damit die Fahrer, welche sich auf den heruntergeklappten Sitzen schlafengelegt haben, warm bleiben. Der Tagesanbruch scheint aber in Reichweite, und ich finde den Weg um den Schwarzwald-Ausläufer und die Ortschaft Kandern herum, ohne nochmals Höhenmeter abspulen zu müssen. In vielen Ortschaften riecht es bei der Durchfahrt nach frischem Brot, und ich muss mich beherrschen um nicht anzuhalten.
Die Vögel zwitschern schon seit ca. halb fünf, und endlich sehe ich den Lichtstreifen am Horizont. Bei Binzen fahre ich in eine Shell-Tankstelle ein, die gerade öffnet; ein verschlafener Kerl schaltet den Automaten ein und ich lasse mir eine Tasse "Brühe" in den Becher laufen. Schmeckt nicht, aber wärmt wunderbar. Eine Banane hinterher und weiter geht’s.
Von nun an folge ich mehr oder weniger der B3 durch die Ortschaften. Zwar verläuft meist parallel ein Radweg, der macht aber bei jeder Strasseneinmündung eine weite Schleife, und die Belagsqualität ist schlechter, was ich ab k100 deutlich spüre. Ich vermisse meinen eingefahrenen Brooks-Sattel ... mehr als einmal verirre ich mich auch in kleinere Ortschaften, anstatt sie zu umfahren, oder lande auf der Autostrasse, die für Radfahrer weniger zugelassen ist. Ich wünsche mir, Teil eines Radrennens zu sein, für das die Strasse vorne einfach freigemacht wird - das wäre herrlich.
Freiburg im Breisgau ist eine schöne Stadt, aber aus meiner Idee, auf einer geraden Linie durchfahren zu können, wird nichts. Die Radwege kreuzen sich, verteilen sich, führen durch Quartiere und an Sehenswürdigkeiten vorbei, dann in die Innenstadt - es ist schön hier, aber ich gucke auf die Uhr und stelle den Rückstand auf die Marschtabelle fest. Mist. Ich verliere unendlich viel Zeit, weshalb es von nun an heisst: Kopf runter und pedalen. Die Sonne drückt zum Glück nicht so heiss, und ich komme auf der Schnurgeraden mit 30 kmh vorwärts. Doch kleinere Ortschaften, zwischendurch auch eine Bäckerei mit feinem Rosinenweck und weniger feinem Kaffee, und dann wieder Offenburg und Lahr (wie zum Teufel bin ich hierhin gekommen? Das liegt gar nicht auf der Spur …) lassen die Verspätung wachsen.
Der Kopf wird leer, spätestens ab k150 bildet sich eine wohltuende Einheit zwischen mir und dem Rad. Ich komm mir vor wie Pacman, der Punkte frisst, und lasse die Kilometer unter den dünnen Reifen hinter mir. Am liebsten würde ich auf der Autostrasse dahinsausen; jede Kurve, Radweg-Einmündung und jeder Umweg stört die gleichmässige Bewegung. Scherben auf der Strasse; kurz darauf verräterisches Zischen - die Luft entweicht rasch aus. Ebenso schnell ist das Rad repariert, und weiter geht es, der Genussstrecke entlang:
Freitag, 15. April 2011
Alles mit Mass, und nichts im Übermass - ??
So begann kürzlich eine Diskussion. Die Geisteshaltung dahinter ging mir auf den Geist. Es war auffällig: alle hatten tausend Gründe, warum Bewegung und Sport in ihrem Leben keinen Platz, keine Zeit, keinen Raum finde; jedenfalls nicht in dem Ausmass wie bei mir. Wenn schon Bewegung, dann nicht zu viel und höchstens zweckorientiert. Um abzunehmen, die Figur zu straffen. Weils der Doktor empfiehlt. Weil man ja weiss dass man sollte, dass es gesund sei, belebend und vitalisierend. Bewegung, entstanden aus einem schlechten Gewissen, nicht aus lustvoller Freude am Spiel mit dem Körper und der Natur. Und höchstens massvoll, wie übrigens alles im Leben. Kein Wunder, dachte ich, gibt 's den Jo-Jo-Effekt. Wer sich nur aus Diätgründen bewegt, hört damit auf, sobald die Kilos weg sind, und freut sich aufs Fressen. Ein Bekannter mit einer gewissen Leibesfülle brachte es auf den Punkt, als er zu mir sagte: "Wenn ich dich ansehe und mir vorstelle, ich sei wie du; ich würde sofort aufhören mich zu bewegen."
Rasch kam die Runde aufs Essen und Trinken zu sprechen. Auch hier hörte ich das Zauberwort immer wieder - und es schauderte mich ob der Langeweile, welche die Runde ausstrahlte. Zitat aus einer Kolumne von Schirach: "In ein paar Jahren werden wir in hellen Restaurants ausschließlich Obstsäfte aus biologisch und menschenrechtlich einwandfreiem Anbau trinken, auf der Karte werden Kalorienangaben gedruckt, die Kohlenhydratmenge eines Gerichts darf zwölf Prozent nicht übersteigen, Salz-, Zucker- und Fettanteile sind gesetzlich festgelegt…" - Schöne heile Welt: ein Leben mit der Vorhersage, die höchste Lebenserwartung - statistisch gesehen - zu erreichen. Alle freien Radikale abgewehrt, Allergene und sonstige böse Stoffe sowieso. Zum Gähnen, dachte ich, und verglich im Stillen zwei Extreme:
… ein massvolles Leben mit kontrolliertem Blutdruck, verletzungsfreiem Sportprogramm und angepasster Nahrungszufuhr, kein Verlassen der markierten Wanderwege, stets genügend Schlaf, um schliesslich in hohem Alter in einem netten Heim vor dem Mühlebrett wegzudämmern …
oder ein ungestümes Drauflosleben, regelmässig die ausgetretenen Pfade verlassen, mit Risiken, Nebenwirkungen und Narben, und darum vielleicht im besten Alter aus einer Bergwand fallen …
Ich wählte Letzteres. Lieber einen stundenlangen Nachtlauf mit Blick in den Sternenhimmel als 50 Senderkanäle und Feierabendbier bis zum Einschlafen vor der Röhre. Schürfungen von intensiv gelebtem Leben spüren, aber bitte kein in Watte gepacktes Touristenabenteuer. Berge und Meer, Fels und Sand - statt Disneyland, Wasserpark und Wellnessoase. Anstrengung bis an die Grenze und darüber hinaus erleben, und die totale Erschöpfung danach - aber richtig und nicht mit einer Wii-Konsole in der Hand.
Schon höre ich die Frage: "Und wo, bitteschön, verläuft der goldene Mittelweg?" Ach herrje, bereits wieder diese Suche nach Mass. "There are so many ways to lose your life besides dying." (Mark Jenkins "A Man's Life"). Nichts beizufügen. Und nach dem Besuch des Banff MountainFilmFestivals fühle ich mich in meiner Haltung bestätigt. Raus aus dem Sessel und weg vom markierten Weg.Samstag, 5. März 2011
Fixpunkte
Was für eine Woche ...
Das Erwachen der Vögel im Wald.
Glitzern der Frühlingssonne in der Aare.
Die Büropause mit G.
Ergreifende Begegnung mit einer todkranken Person im Rahmen eines Testamentes.
Eine schwierige Route in einem Zug durchgestiegen.
Bergwanderung mit J. zwischen Himmel und Erde.
Letzter Abschied von J.
Intensives Leben - und Sterben, so nahe beieinander.
Ich bin dankbar und will bescheiden bleiben.
Das Erwachen der Vögel im Wald.
Glitzern der Frühlingssonne in der Aare.
Die Büropause mit G.
Ergreifende Begegnung mit einer todkranken Person im Rahmen eines Testamentes.
Eine schwierige Route in einem Zug durchgestiegen.
Bergwanderung mit J. zwischen Himmel und Erde.
Letzter Abschied von J.
Intensives Leben - und Sterben, so nahe beieinander.
Ich bin dankbar und will bescheiden bleiben.
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| Gemmipass, 4. März 2011 |
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