... ist da; siehe oben. Ganz herzlichen Dank allen Privaten, Firmen, Behörden etc., die mit einer Mischung aus Kopfschütteln, Entsetzen, aber auch Ermutigung und Begeisterung mein Projekt unterstützt haben. Ich darf dank Ihnen allen einen stolzen Betrag von rund CHF 10'000.-- (vielleicht werden es in den kommenden Tagen noch etwas mehr) entgegennehmen und je hälftig dem Kinderheim Brugg und dem Projekthilfeverein Südostasien in Brugg überweisen. Vielen, vielen Dank - das zeigt mir, dass der Entscheid richtig war, auch wenn ich ohne Finisher-Shirt und Medaille nach Hause kam. Aber was nicht ist, kann noch werden ... "Springseiltraining" lautet übrigens die ärztliche Empfehlung für mein schwächeres rechtes Fussgelenk. Bei diesem Anblick hier ist einem wirklich nach Bewegung draussen und weniger nach Sitzen drinnen zumute:
"Man hört nicht mit dem Laufen auf, weil man alt wird, sondern man wird alt, weil man mit dem Laufen aufhört."
Dienstag, 8. Juni 2010
Mittwoch, 2. Juni 2010
Gedanken zur Bewegung
Beeindruckt stehe ich schon wieder an dieser Stelle. Eine meiner Lieblingsstrecken ist es; bitte zurückblättern zum Eintrag vom 31. Januar, viertes und fünftes Bild - schön kalt, nicht? Hier, zur Erinnerung:
Und jetzt, nur vier Monate später, diese Fülle, auch wenn der Frühling noch nicht so in Fahrt gekommen ist - wunderbar. Ich möchte dauernd hier vorbeilaufen ... das "Itelentäli" in Richtung Unterbözberg lässt die Illusion aufkommen, ich sei abgeschieden und meilenweit von der Zivilisation entfernt.
Apropos Fahrt: kürzlich war ich mit dem Rad draussen, und da die Sonne schien war ich nicht alleine unterwegs. Alles, was Räder hatte, drängte an die frische Luft. Im Wald zum Rotberg hoch hörte ich nur mein Keuchen und das leise Sirren der Kette, bis ein schweres Motorrad vorbeifegte und sein ohrenbetäubendes Knattern fast meine Brillengläser aus der Fassung löste. Zwischen Mandach und Leuggern kam mir ein Zug bunter Oldtimer entgegen, wie Smarties auf einer Reihe, hübsch anzusehen und ob der Augenfreude war auch der Benzingeruch zu verkraften. Erstaunt hat mich, vieviele Radler ohne Helm unterwegs waren - Hirn auslüften oder zuhause gelassen? Die neuen Dinger sind ja so was von leicht und luftig ... ich erinnere mich an meine erste Suppenschüssel aus der Epa, eine Vollverschalung mit zwei Minimal-Lüftungsschlitzen, durch die gerade einmal eine Fruchtfliege gepasst hätte. Was mir bei hingegen wirklich Mühe bereitete war eine neue Generation Risiko-Radfahrer: die Elektrobiker. Man soll ja nicht verallgemeinern. Alle Verallgemeinerungen sind falsch (ein Zitat, zum Nachdenken, von Hirschhausen). Aber es war auffällig oder ich habe einfach nur Pech gehabt: da setzen sich überwiegend ältere Herr- und Damenschaften auf einen Sattel und geben damit zwangsläufig ihr Gleichgewicht auf, ohne sich dessen (und anderer Radler) bewusst zu sein. Gemütlich wird das Gefährt auf dem Radweg gesteuert, mal links, mal rechts, mal in der Mitte, wie es euch gefällt. Oder steuert es womöglich selber? In Döttingen kam mir aus einer Seitenstrasse eine Gruppe elektrisch unterstützter Gemütsfahrer in die Quere - von Rechtsvortritt hatten diese noch nie etwas gehört, geschweige denn von einem vorsichtigen Blick zur Strasse hin, in welche man einbiegt. Ich krallte mich an den Bremsen fest, ganz erstaunt wie ein Rennrad selbst mit blockiertem Vorder- und Hinterrad am Boden kleben bleibt, und erntete nur missmutige Blicke. Glück gehabt. Ich glaube, ich kaufe mir im Veloplus diese chinesische Riesenglocke oder eines dieser Fan-Hup-Hörner. Oder einen starken Magneten, der den Flyers in meinem Umkreis den Strom abstellt. "Higher" wäre auch eine gute Produktbezeichnung, denn nur high fährt man so unbeholfen.
Warum ich nicht reiten wolle fragten mich nach der Rückkehr unsere pferdebegeisterten Mädchen. Weil ich ein Velo entschieden mehr liebe als ein Pferd. Es fährt, wenn man drauf sitzt - dahin, wo ich will. Man muss es nicht füttern und nicht striegeln. Es bockt nicht und hat keine Launen. Aber manchmal, wenn ich ein Elektrovelo sehe, dann denke ich: Laufen ist halt schon schön und schön einfach.
Sonntag, 16. Mai 2010
Raindrops keep fallin' on my head
... jetzt reichts dann wirklich. Ich muss mir Dinge anhören wie "Du hast deinen Sommer schon gehabt", oder "Du warst doch erst noch braun?", was nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Doch die Zeit, wo ich Temparaturen im 30er und 40er-Bereich geniessen durfte, liegt schon unglaublich lange zurück... Im Schrank liegen mittlerweile die Kurzarm-T-Shirts und schimpfen lautstark über die Regenjacke und -mütze, welche ihrer Meinung nach viel zu häufig raus dürfen. Recht haben sie, und nun soll es, laut Meteo, ja endlich ändern. Kein nasser Waldlauf mehr:
... dafür - hoffentlich - Hitze. Staubige, trockene Hitze. Flimmern über der Strasse. Blassblauer Himmel. Salzige Haut. Eine dicke Zunge und der erlösende Schluck aus der Flasche. Um es mit dem Titelsong zu beenden:
But there's one thing I know
The blues they send to meet me won't defeat me
It won't be long till happiness steps up to greet me...
Mittwoch, 28. April 2010
Grün, grün, grün sind alle meine Kleider
... geht ein Kinderlied. Ich bin heute früh ein Exot mit schwarzen Laufhosen und einem roten Pullover, inmitten all dieser Frühlingsfarben:
Jedesmal, wenn mich der Kleiderwechsel der Natur so beeindruckt, denke ich an dies: unsere Erde ist wie ein Staubkorn inmitten eines unermesslich riesigen Weltalls, das, soweit wir es kennen, kalt, schwarz und lebensfeindlich ist. Aber auf diesem einen Planeten hat sich, bedingt durch eine günstige Nähe zur Sonne, Leben entwickelt - Leben in all seinen Farben und Ausprägungen. Im Winter ist bei uns alles kalt, weiss und leblos. Im Frühling dagegen löst ein nur geringfügig veränderter Sonnenabstand Tauwetter aus und lässt das Leben aus dem Boden spriessen. Das lässt mich immer wieder staunen.
Als wir von Ouarzazate nach Casablanca flogen und dort die Wolkendecke durchstiessen, mussten meine Augen sich zuerst ans Grün gewöhnen; dies nur schon nach einer Woche Sand- und Felsfarben. Es gab zwischendurch wohl einige Palmen, Felder, Büsche, aber die bildeten die Ausnahme inmitten von Braun- und Grautönen. Heute früh, nach einem erfrischenden Lauf durch dieses Hellgrün im Überfluss, wünsche ich mir ein wenig Sandfarbe zurück ... und freue mich gleichzeitig, dass die kurze Reise in die Wüste so viele Spenden zusammenbringt, wie ich es nun täglich feststelle. Vielen Dank all denen, die bereits jetzt mein Projekt für die Kinderhilfswerke unterstützt haben und es noch tun! Ich werde in Kürze die Spendenübersicht aufschalten und das Geld übergeben können - Bericht folgt!
Jedesmal, wenn mich der Kleiderwechsel der Natur so beeindruckt, denke ich an dies: unsere Erde ist wie ein Staubkorn inmitten eines unermesslich riesigen Weltalls, das, soweit wir es kennen, kalt, schwarz und lebensfeindlich ist. Aber auf diesem einen Planeten hat sich, bedingt durch eine günstige Nähe zur Sonne, Leben entwickelt - Leben in all seinen Farben und Ausprägungen. Im Winter ist bei uns alles kalt, weiss und leblos. Im Frühling dagegen löst ein nur geringfügig veränderter Sonnenabstand Tauwetter aus und lässt das Leben aus dem Boden spriessen. Das lässt mich immer wieder staunen.
Als wir von Ouarzazate nach Casablanca flogen und dort die Wolkendecke durchstiessen, mussten meine Augen sich zuerst ans Grün gewöhnen; dies nur schon nach einer Woche Sand- und Felsfarben. Es gab zwischendurch wohl einige Palmen, Felder, Büsche, aber die bildeten die Ausnahme inmitten von Braun- und Grautönen. Heute früh, nach einem erfrischenden Lauf durch dieses Hellgrün im Überfluss, wünsche ich mir ein wenig Sandfarbe zurück ... und freue mich gleichzeitig, dass die kurze Reise in die Wüste so viele Spenden zusammenbringt, wie ich es nun täglich feststelle. Vielen Dank all denen, die bereits jetzt mein Projekt für die Kinderhilfswerke unterstützt haben und es noch tun! Ich werde in Kürze die Spendenübersicht aufschalten und das Geld übergeben können - Bericht folgt!
Dienstag, 20. April 2010
Neue Pläne?
Danach fragt man mich zur Zeit. Dasselbe nochmal? Etwas Vergleichbares? Oder etwas ganz anderes? Gar nie mehr? - Letzteres kann ich verneinen, mehr will ich gar nicht sagen oder denken. Meine Wade scheint heil zu sein, im Wasser und auf zwei Rädern fühle ich kein nennenswertes Ziehen mehr. Und wie wohltuend ist es, wieder ein Bergseil in den Händen zu spüren. Abwarten, den Frühling geniessen, Sport nach Lust und Laune. Für Projekte ist später noch Zeit. Eine Kombination von Schwimmen, Radfahren, Laufen vielleicht? Ein Teamwettkampf mit mehreren Sportarten? Wir werden sehen. Soeben liegt ein guter Bekannter nach einem Herzinfarkt im Spital und ich hoffe auf seine Genesung; wie schnell werden doch Pläne durchkreuzt.
Heute vor zwei Wochen habe ich das Handtuch geworfen. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, aber das Zelt 78 ist präsent, als ob ich erst gestern Abend die Steine unter der Liegematte entfernt hätte. Das ist eine wertvolle Erinnerung.
Ich führe diesen Blog in loser Folge weiter. Wer gelegentlich reinschaut, findet Bilder und Berichte von (meistens) Draussen, von Bewegung, Sport und Spiel, aber auch von kuriosen Entdeckungen am Wegrand, an denen mancher Läufer vorüberrennt. Zu einem späteren Zeitpunkt dann folgt das nächste Projekt "Draussen unterwegs - ein Sponsorlauf für Kinder", ob in der Wüste oder in den Alpen, zu Fuss oder zu Rad, trocken oder nass oder alles miteinander ... wer weiss. Insha Allah.
Vielen Dank für dein / Ihr Interesse!
Heute vor zwei Wochen habe ich das Handtuch geworfen. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, aber das Zelt 78 ist präsent, als ob ich erst gestern Abend die Steine unter der Liegematte entfernt hätte. Das ist eine wertvolle Erinnerung.
(Danke, Rolf, für dieses schöne Bild!)
Ich führe diesen Blog in loser Folge weiter. Wer gelegentlich reinschaut, findet Bilder und Berichte von (meistens) Draussen, von Bewegung, Sport und Spiel, aber auch von kuriosen Entdeckungen am Wegrand, an denen mancher Läufer vorüberrennt. Zu einem späteren Zeitpunkt dann folgt das nächste Projekt "Draussen unterwegs - ein Sponsorlauf für Kinder", ob in der Wüste oder in den Alpen, zu Fuss oder zu Rad, trocken oder nass oder alles miteinander ... wer weiss. Insha Allah.
Vielen Dank für dein / Ihr Interesse!
Dienstag, 13. April 2010
Der Weg ist das Ziel ...
ein dummer Spruch, eigentlich. Das Ziel ist doch das Ziel. Aber manchmal eben unerreichbar, so bei mir am 25sten Marathon des Sables. Ein Fehltritt, eine Fehlbelastung, Schmerzen in der Achillessehne, dann in der Wade und in der Kniekehle. Ich kenne diese Art; sie ist typisch für mein nach der Rückengeschichte schwächeres Bein. Es ist eine Verkrampfung, die man nicht lösen kann, nicht wegdehnen, nicht überschlafen; nicht einmal die starken Medikamente der DocTrotter im Zelt halfen, und so fällte ich den Entscheid zur Umkehr. Dennoch bin ich dankbar für die Erfahrungen. Ich durfte teilnehmen, viel mehr hätte mich geärgert, wenn ich kurz vorher ausgefallen und reiseunfähig gewesen wäre (wie einige Teilnehmer aus der Schweiz). So fasse ich zusammen, wenn auch ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
Erster Eindruck: Eine perfekte Organisation. Beeindruckend, was Patrick Bauer und sein Team inmitten der Wüste auf die Beine stellen. Alle sind freundlich und hilfsbereit, zu jeder Tages- und Nachtzeit, in der Unruhe des Biwakauf- und abbaus, gegenüber missmutigen, überreizten Teilnehmern. Da steckt viel Erfahrung, Können und guter Wille drin - Bravo!
Zweiter Eindruck: Abgeschiedenheit? Von wegen. Die Medien sind allgegenwärtig - es gibt sogar gelegentlichen Handyempfang. Die Welt ist mit dem MdS vernetzt und der MdS mit der Welt - ständig aktuell und online. Trage weder auffällige Kleidung noch Logos, Tätowierungen oder Länderflaggen, und verkneife dir Wehklagen - dann interessiert sich kein Presseteam für dich. Engagiere dich dagegen lautstark (für den Kampf gegen Leukämie, contre la mucoviscidose, ...) , schrei vor Schmerzen oder lass dir im Doc-Zelt blutige Blasen aufstechen, dann hast du Linse und Mikrofon mitten im Gesicht.
Dritter Eindruck: eine enorme körperliche und geistige Herausforderung. Ständig wechselndes und daher schwieriges Terrain, grosse Hitze und drückende Feuchtigkeit, endlose Weite, das Gewicht auf den Schultern - alle lernen hier Grenzen zu spüren, zu verschieben oder anzuerkennen. Zu welchem Preis und mit welchem Medikament, das entscheidet jeder allein, doch gespart wird weder an Leid noch an Substanzen. Entsprechend ist auch die Gesprächskultur: man redet gelegentlich miteinander und oft aneinander vorbei. Das liegt daran, dass der Extremläufer als Zuhörer nur den anderen Extremläufer hat (Otto Normaljogger gibts dort draussen nicht). So will jeder das Durchlittene sogleich loswerden und reinigt im Geschichtenerzählen die eigene Seele.
Vierter Eindruck: Die Wüste ist über weite Strecken wüst. Der Lauf führt weitgehend durch Mondlandschaft. Gegenden wie vom Kalenderblatt sind selten; die website-Fotos täuschen manchmal (da digital aufgepeppt), die eindrücklichen Merzouga-Dünen gibts erst auf der Schlussetappe, auf welcher die meisten genug haben und endlich nach Hause wollen. Wenige Genussläufer nur (ausnahmslos Marschierer) lenken ihren Blick vom Pfad oder der Ferse des Vordermanns weg, auf die Umgebung, zu einem Busch, über den Berggrat hinaus. Das Augenmerk gilt vielmehr dem kürzesten Wegabschnitt, der Ideallinie durch den Sand, dem nächsten Checkpoint. Zwischenzeit und Rang, Zahlen und Masseinheiten stehen bei manchen höher im Kurs als Sinneseindrücke.
Fünfter Eindruck: der MdS ist auch ein bisschen absurdes Theater. Zahlreiche Wohlstandsverwöhnte lassen sich für viel Geld in klimatisierten Cars in die Wüste fahren, um ein schlichtes Zeltlager zu beziehen. Im Hintergrund garantiert ein perfekt eingespieltes OK für Sicherheit und Infrastruktur. Die Ausrüstung wird ein letztes Mal gecheckt, ein Investmentbanker wirft seine sündhaft teure neue Isomatte in den Abfall, weil er sie unnütz findet. Dann wird losgelaufen, ausstaffiert mit Hightechnahrung und -bekleidung, mp3 im Ohr, Solarladegerät und Handy dabei. Bettelnde Kinder entlang der Strecke passiert man zügig; es wird empfohlen nicht anzuhalten, weil sie einen umringen und von hinten Ware vom Rucksack stehlen sollen. Was müssen sie von uns denken?
Weitere Eindrücke: Milde Temperaturen in der Nacht, dafür fehlt das überwältigende Tiefschwarz mit unendlichem Sternenmeer. Diesiger Himmel am Nachmittag, fast hochnebelartig, was keine Bilder mit azurblauem Hintergrund erlaubt (ich vermisse die Fotoausrüstung). Stille. Und dann wieder das Knattern des Helikopters. Gläsernes Klirren der schwarzen Steine, wenn ich darüber stolpere. Knochentrockener Boden eines früheren Sees, durchzogen von feinen Rissen. Mitten in der flirrenden Hitze ein Fluss mit klarem Wasser. Blühende Pflanzen, die aus dem staubtrockenen Grund wachsen. Versteinerungen. Sand, so fein wie Puderzucker: ocker, grau, schwärzlich, rotbraun. Ziegen und ein Hirtenjunge mitten in der Leere. Kamele und Esel. Ein Schmetterling! Trockenes Holz und würziger Duft von den verschiedenen Lagerfeuern. Herrlicher Sultan-Tee am Ende jeder Etappe.
«Wer in die Wüste geht, kehrt anders aus ihr zurück.» Auch das gilt für jeden in unterschiedlichem Masse, und «anders» heisst nicht unbedingt «erfüllter». Ich sah müde Gesichter, voller Zufriedenheit und Stolz. Ich hörte die Planung bereits neuer Laufabenteuer. Aber auch Sinnfragen, Ungewissheit, Jammer nach vollbrachter Tat. Ein Läufer, auf die Frage nach dem Warum der Wiederholung angesprochen: der Alltag sei derart massgeschneidert und vom Prinzip «time is money» dominiert; dies hier sei das pure Gegenteil. Zeit werde relativ, man begegne Leere und Weite und dem einfachen Leben mit Fremden im Zelt. Einleuchtend - dennoch fragte ich mich: ist nicht der Alltag eine Wüste, wenn er derart eintönig und fremdbestimmt verläuft? Macht das alltägliche Leben Sinn, wenn man darin keine Balance hat, keine Freude und Ausgeglichenheit findet, sondern jährlich den Ultra-Specialevent braucht um es auszuhalten? Aber wie schon gesagt: jeder sucht hier draussen seine Antworten, jeder findet andere, und das macht das Einzigartige aus.
Zum Abschluss bleibt mir ein Sprichwort haften: «Keine Strasse ist lang mit einem Freund an der Seite.» Es führte zwar keine Strasse über den Jebel El Otfal, sondern 25 % Steigungskraxlerei, aber danke, François, dass du ihn mit mir überquert hast. Das gab mir Mut und Zuversicht am Ende meiner Kraft. Und danke, Sven, Christoph, Jürg, Michael, François und Rolf, für die einzigartig gute Kameradschaft im Zelt - ich werde euch, die ganze Zeit, das ganze Erlebnis, nie vergessen, sondern hin und wieder vermissen. Und schreibe mir daher auf die innere Flagge: auskurieren und Testläufe im 2011, und zurück in den Sandkasten im 2012.
Erster Eindruck: Eine perfekte Organisation. Beeindruckend, was Patrick Bauer und sein Team inmitten der Wüste auf die Beine stellen. Alle sind freundlich und hilfsbereit, zu jeder Tages- und Nachtzeit, in der Unruhe des Biwakauf- und abbaus, gegenüber missmutigen, überreizten Teilnehmern. Da steckt viel Erfahrung, Können und guter Wille drin - Bravo!
Zweiter Eindruck: Abgeschiedenheit? Von wegen. Die Medien sind allgegenwärtig - es gibt sogar gelegentlichen Handyempfang. Die Welt ist mit dem MdS vernetzt und der MdS mit der Welt - ständig aktuell und online. Trage weder auffällige Kleidung noch Logos, Tätowierungen oder Länderflaggen, und verkneife dir Wehklagen - dann interessiert sich kein Presseteam für dich. Engagiere dich dagegen lautstark (für den Kampf gegen Leukämie, contre la mucoviscidose, ...) , schrei vor Schmerzen oder lass dir im Doc-Zelt blutige Blasen aufstechen, dann hast du Linse und Mikrofon mitten im Gesicht.
Dritter Eindruck: eine enorme körperliche und geistige Herausforderung. Ständig wechselndes und daher schwieriges Terrain, grosse Hitze und drückende Feuchtigkeit, endlose Weite, das Gewicht auf den Schultern - alle lernen hier Grenzen zu spüren, zu verschieben oder anzuerkennen. Zu welchem Preis und mit welchem Medikament, das entscheidet jeder allein, doch gespart wird weder an Leid noch an Substanzen. Entsprechend ist auch die Gesprächskultur: man redet gelegentlich miteinander und oft aneinander vorbei. Das liegt daran, dass der Extremläufer als Zuhörer nur den anderen Extremläufer hat (Otto Normaljogger gibts dort draussen nicht). So will jeder das Durchlittene sogleich loswerden und reinigt im Geschichtenerzählen die eigene Seele.
Vierter Eindruck: Die Wüste ist über weite Strecken wüst. Der Lauf führt weitgehend durch Mondlandschaft. Gegenden wie vom Kalenderblatt sind selten; die website-Fotos täuschen manchmal (da digital aufgepeppt), die eindrücklichen Merzouga-Dünen gibts erst auf der Schlussetappe, auf welcher die meisten genug haben und endlich nach Hause wollen. Wenige Genussläufer nur (ausnahmslos Marschierer) lenken ihren Blick vom Pfad oder der Ferse des Vordermanns weg, auf die Umgebung, zu einem Busch, über den Berggrat hinaus. Das Augenmerk gilt vielmehr dem kürzesten Wegabschnitt, der Ideallinie durch den Sand, dem nächsten Checkpoint. Zwischenzeit und Rang, Zahlen und Masseinheiten stehen bei manchen höher im Kurs als Sinneseindrücke.
Fünfter Eindruck: der MdS ist auch ein bisschen absurdes Theater. Zahlreiche Wohlstandsverwöhnte lassen sich für viel Geld in klimatisierten Cars in die Wüste fahren, um ein schlichtes Zeltlager zu beziehen. Im Hintergrund garantiert ein perfekt eingespieltes OK für Sicherheit und Infrastruktur. Die Ausrüstung wird ein letztes Mal gecheckt, ein Investmentbanker wirft seine sündhaft teure neue Isomatte in den Abfall, weil er sie unnütz findet. Dann wird losgelaufen, ausstaffiert mit Hightechnahrung und -bekleidung, mp3 im Ohr, Solarladegerät und Handy dabei. Bettelnde Kinder entlang der Strecke passiert man zügig; es wird empfohlen nicht anzuhalten, weil sie einen umringen und von hinten Ware vom Rucksack stehlen sollen. Was müssen sie von uns denken?
Weitere Eindrücke: Milde Temperaturen in der Nacht, dafür fehlt das überwältigende Tiefschwarz mit unendlichem Sternenmeer. Diesiger Himmel am Nachmittag, fast hochnebelartig, was keine Bilder mit azurblauem Hintergrund erlaubt (ich vermisse die Fotoausrüstung). Stille. Und dann wieder das Knattern des Helikopters. Gläsernes Klirren der schwarzen Steine, wenn ich darüber stolpere. Knochentrockener Boden eines früheren Sees, durchzogen von feinen Rissen. Mitten in der flirrenden Hitze ein Fluss mit klarem Wasser. Blühende Pflanzen, die aus dem staubtrockenen Grund wachsen. Versteinerungen. Sand, so fein wie Puderzucker: ocker, grau, schwärzlich, rotbraun. Ziegen und ein Hirtenjunge mitten in der Leere. Kamele und Esel. Ein Schmetterling! Trockenes Holz und würziger Duft von den verschiedenen Lagerfeuern. Herrlicher Sultan-Tee am Ende jeder Etappe.
«Wer in die Wüste geht, kehrt anders aus ihr zurück.» Auch das gilt für jeden in unterschiedlichem Masse, und «anders» heisst nicht unbedingt «erfüllter». Ich sah müde Gesichter, voller Zufriedenheit und Stolz. Ich hörte die Planung bereits neuer Laufabenteuer. Aber auch Sinnfragen, Ungewissheit, Jammer nach vollbrachter Tat. Ein Läufer, auf die Frage nach dem Warum der Wiederholung angesprochen: der Alltag sei derart massgeschneidert und vom Prinzip «time is money» dominiert; dies hier sei das pure Gegenteil. Zeit werde relativ, man begegne Leere und Weite und dem einfachen Leben mit Fremden im Zelt. Einleuchtend - dennoch fragte ich mich: ist nicht der Alltag eine Wüste, wenn er derart eintönig und fremdbestimmt verläuft? Macht das alltägliche Leben Sinn, wenn man darin keine Balance hat, keine Freude und Ausgeglichenheit findet, sondern jährlich den Ultra-Specialevent braucht um es auszuhalten? Aber wie schon gesagt: jeder sucht hier draussen seine Antworten, jeder findet andere, und das macht das Einzigartige aus.
Zum Abschluss bleibt mir ein Sprichwort haften: «Keine Strasse ist lang mit einem Freund an der Seite.» Es führte zwar keine Strasse über den Jebel El Otfal, sondern 25 % Steigungskraxlerei, aber danke, François, dass du ihn mit mir überquert hast. Das gab mir Mut und Zuversicht am Ende meiner Kraft. Und danke, Sven, Christoph, Jürg, Michael, François und Rolf, für die einzigartig gute Kameradschaft im Zelt - ich werde euch, die ganze Zeit, das ganze Erlebnis, nie vergessen, sondern hin und wieder vermissen. Und schreibe mir daher auf die innere Flagge: auskurieren und Testläufe im 2011, und zurück in den Sandkasten im 2012.
Mittwoch, 31. März 2010
Herzklopfen ...
... gehört wohl dazu, aber in dem Ausmass?
Ich hoffe, dass keiner der Ärzte dort dieses Teil der Pflichtausrüstung (Ausdruck der Ruhe-EKG-Kurve) je benötigt.
Donnerstag: Abflug Frankfurt um die Mittagszeit, Zwischenziel Casablanca. Wartezeit, dann Inlandflug nach Ouarzazate. Hotelübernachtung.
Karfreitag: Schütteltransport ins Biwak, genaueres Ziel bis heute noch unbekannt.
Ostersamstag: Studium des "Road Book" (endlich sieht man die Strecken und Etappen), letzte Vorbereitungen, Kontrolle der Ausrüstung durch den Veranstalter, und dann:
Ostersonntag: Startschuss zur Eiersuche in den Dünen resp. zur ersten Etappe.
Wish me luck! As Mark Jenkins would say: "This seems to be the conundrum of my life - I do not want to leave, but I am yearning, madly, to go."
Ich hoffe, dass keiner der Ärzte dort dieses Teil der Pflichtausrüstung (Ausdruck der Ruhe-EKG-Kurve) je benötigt.
Donnerstag: Abflug Frankfurt um die Mittagszeit, Zwischenziel Casablanca. Wartezeit, dann Inlandflug nach Ouarzazate. Hotelübernachtung.
Karfreitag: Schütteltransport ins Biwak, genaueres Ziel bis heute noch unbekannt.
Ostersamstag: Studium des "Road Book" (endlich sieht man die Strecken und Etappen), letzte Vorbereitungen, Kontrolle der Ausrüstung durch den Veranstalter, und dann:
Ostersonntag: Startschuss zur Eiersuche in den Dünen resp. zur ersten Etappe.
Wish me luck! As Mark Jenkins would say: "This seems to be the conundrum of my life - I do not want to leave, but I am yearning, madly, to go."
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